Category Archives: Themen

LiveBlog: Bundestag

Auch heute – ab 9.00 Uhr – werden im Bundestag spannende Themen debattiert, die ich hier live kommentieren werde. Mitverfolgen könnt ihr die Debatten im Parlamentsfernsehen auf Bundestag.de und oft auch auf Phoenix.

Auf der Tagesordnung für die 40. Sitzung des 18. Deutschen Bundestags stehen u.a.

– der Gesetzentwurf der Regierung “zur Einstufung weiterer Staaten als sichere Herkunftsstaaten und zur Erleichterung des Arbeitsmarktzugangs für Asylbewerber und geduldete Ausländer” (Erste Beratung)
– der Gesetzentwurf der Regierung zur Stabilisierung des Künstlersozialabgabesatzes (Künstlersozialabgabestabilisierungsgesetz – KSAStabG; Erste Beratung)
– Beratung des Antrags der Bundesregierung zur Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte in Mali
– Erste Beratung des von den Grünen eingebrachten Entwurfs eines “Ersten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über befristete Arbeitsverträge in der Wissenschaft” (1. WissZeitVG-ÄndG)
– Beratung des Antrags der Bundesregierung zur Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der “United Nations Interim Force in Lebanon” (UNIFIL) Continue reading LiveBlog: Bundestag

LiveBlog: Bundestag

Ab heute werde ich hier gelegentlich die bundesdeutsche Politik live kommentieren. Mitverfolgen könnt ihr die Debatten im Parlamentsfernsehen auf Bundestag.de und oft auch auf Phönix.

Heute ab 13.00 Uhr:

38. Sitzung des 18. Deutschen Bundestags, laut Tagesordnung mit

– der Regierungserklärung der Kanzlerin
– der Befragung der Bundesregierung durch das Parlament

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Über die rechte Unterwanderung Europas

Am 25. Mai haben die Bürger der Europäischen Union die Möglichkeit, über ihre Vertreter in Brüssel abzustimmen. Überall werden die Straßen mit Plakaten aller Couleur geschmückt. Doch blickt man einmal genauer auf das politische Europa, scheint es, als ob sich viele Bürger ihrer Farbwahl schon sicher sind: braunschwarz.
Die Aufregung in den EU-Stammländern war groß, als Anfang des Jahres über die Hälfte der Schweizer ihr Kreuzchen gegen einwandernde Ausländer setzten. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass sich diese Aufregung nicht so sehr gegen die Xenophobie einiger Schweizer richtete, sondern hauptsächlich auf die Leidtragenden dieser Fremdenfeindlichkeit. Denn der Löwenteil der Schweizer Immigranten rekrutiert sich aus eben jenen EU-Stammländern, vor allem aus Deutschland. Wäre die Aufregung die gleiche gewesen, wenn die Einwanderer aus dem Balkan oder aus muslimisch geprägten Ländern kämen?

Schaut man sich einmal in Europa um, so lässt sich schnell feststellen, dass immer mehr Menschen den „rechten“ Weg einschlagen. So sorgt in Ungarn Ministerpräsident Orbán mit seinen Reformen für Aufmerksamkeit. Neben der Einschränkung der Pressefreiheit erregt die Kriminalisierung von Obdachlosigkeit Aufsehen in den internationalen Medien. Besonders der zweite Punkt deutet auf einen zu tiefst rassistischen Hintergrund, da Obdachlosigkeit in Ungarn – wie in vielen osteuropäischen Ländern – zu einem großen Teil Mitglieder wandernder Völker betrifft. Erschreckend ist weiterhin, dass die ungarische Regierung keinen Anlass sieht, ihren Antisemitismus zu verstecken. Anfang April wurde Orbán trotz seiner ans Rechtsextreme grenzenden Ansichten bei den Parlamentswahlen in seinem Amt bestätigt – möglicherweise auch genau deswegen. Continue reading Über die rechte Unterwanderung Europas

Hymne auf den „Blinden Leser“

Ich für meinen Teil lese Gedichte am liebsten „blind“1, also ohne über den Autor oder den historischen Kontext viel – bzw. überhaupt etwas – zu wissen. Als eingefleischter Rezeptionsästhetiker bin ich überzeugt, dass mich ein Gedicht auf persönlicher, emotionaler Ebene erreichen kann – oder auch nicht. Im Zweifelsfall sind Historika und andere Hintergrundinformationen dieser Art
jedenfalls ungeeignet, um einem Gedicht Sinn und Bedeutung zu geben. Sie machen es vielleicht erklärbar. Auf akademischer Ebene. Gedichte jedoch sind keine historische Fachliteratur. Sie funktionieren am besten auf emotionaler Ebene, durch den persönlichen Diskurs zwischen Dichter und Leser mittels des Textes. Man kann es auch „literarischen Erfahrungsaustausch“ nennen.

So kommt es, dass ich meine lyrischen Favoriten in großer Mehrzahl nie historisch bzw. biographisch analysiert habe. Bei Ausnahmen wie Goethes Prometheus, den ich zu Schulzeiten
„interpretieren“ durfte, kann man von einer späten Liebe sprechen: Die Liebe zu diesem Gedicht kam bezeichnenderweise erst NACH der Emanzipation von Historie und Biographie. Sturm und Drang ist lange her. Situationen im eigenen Leben, in denen man sich scheinbar unüberwindbaren Widerständen gegenüber sieht, kennt vermutlich jeder. Continue reading Hymne auf den „Blinden Leser“

Meine Fliege

Die städtische Gärtnerkolonne war schon aus dem Park abgerückt, durch den mich mein alltäglicher Weg führte. Ihre Arbeit war fast vollständig erledigt, neues Grün gepflanzt, altes und überflüssiges entfernt. Der große Busch an der Ecke mit seinen Hartlaub ähnlichen Blättern blieb den unachtsamen Passanten erhalten. Auf seinem äußersten Blatt saß eine kupferfarbene Fliege. Welch einen grausigen Ekel dieses Miniaturbiest in mir erzeugte, obschon sich doch die liebe Herbstsonne in kupfergoldener Schönheit spiegelte. Sie saß so da auf ihrem Blatt, das ja noch geblieben war. Saß da und tat nichts. Ein kleines Zittern huschte durch die seidenen Flügel. Ganz schnell. So schnell, dass schon im Augenblick danach keine Regung mehr erkennbar war. Sie erinnerte an den verlorenen Aufsatz einer alten, stilvollen Brosche. Eine jener Art, in welcher sich feine Metalle und Edelsteine in ästhetischer Symbiose zu einem Kunstwerk verbinden. Ein Kleinod, das ich mir nie hätte zum Fest wünschen können – ich bin zu spät geboren. Doch diese Fliege, die hatte ich; ihr Anblick eingefangen auf meiner Netzhaut. Ich sah sie genau vor mir, auf ihrem vom Wind geschaukeltem Blatt. Dieses Bild war meines. So ging ich also langsam vorüber, mit einem so wunderbaren Eindruck eines Schmuckstücks vom Schmied Natur. Die Fliege, sie saß da und tat nichts. Fraß nicht, putze sich nicht, flog nicht.

Später kam ich den Weg durch den kleinen, fast lächerlich wirkenden Park zurück. Dies schaurigschöne Biest musste sich wohl bewegt haben. Und keiner hatte sie fliegen sehen, auf dem Rücken die untergehende Sonne. Wie gern hätte ich doch ihr Abbild auf einer Brosche.

Guten Morgen!


Piep. Piep. Piep.

Uh? Tach, Wecker…

Piep.

Wie spät? … OK, weck’ mich in zehn Minuten noch mal.

Piep, piep, piep.

Was denn… oh, schon so spät? … Seltsamer Traum, wieder. Grüne Wiesen auf Sturmwolkengebirgen. Auf was für Dinge der
menschliche Kopf nachts so kommt!

Piep, piep…?

Ja, ja. Ich steh’ ja schon auf. Grüne Wolkenwiesen im Sturm also diesmal. Was mir der Autor damit sagen will? Ich werd’s wohl nie herausfinden. Ob ich die Anna heute…? Das grüne Hemd geht schon, oder…? Sturmwolkengrüne Wiesen… sowas. Ja, das grüne Hemd geht. Kaffee? Ein Löffel, zwei Löffel, drei Löffel. Wasser! Dazu noch die Nadelstreifen. Oder das schwarze Jackett? Wenn ich die Anna sehe, sind die Nadelstreifen vielleicht doch…

Piep.

Ah, Kaffee. Trüb draußen. Dafür wären die Nadelstreifen aber besser. Oder der Mantel. Jackett mit Mantel. Ja, das geht.

Piep, piep.

Wo ist… Telefon? Ach, Felix schreibt: wollen wir uns… Natürlich
können wir heute Abend zum Italiener gehen. Wäre großartig, wenn das Wetter noch besser wird. Der Freisitz vom Paulo ist so schön grün. Sturmwiesengrüne Wolken. Haha…

Piep!

Warum ist denn der Toast schon wieder schwarz? Schwarzer Toast am Morgen bereitet Kummer und Sorgen. Weiß man doch. Ob die Anna wohl… naja, ich werd’s herausfinden. Igitt, Kohle. Ich brauch einen neuen Toaster. Wie spät? Ich sollte losgehen. Echt trüb da draußen. Werde wohl den Schirm… Hier ist ja noch eine Banane. Geht als Toastersatz… so ganz ohne Frühstück… Regnet es? Ich komme noch zu spät. Naja, ich hab ja den Mantel. Wo ist denn der Schirm? Ich muss los.

Piep!

Der Fahrstuhl! Schirm? … Na gut, dann eben nicht. Guten Morgen, Frau Meisner. Ja, hab ich gehört. Hören Sie, ich muss… Ja, der Job. Nein, alles bestens. Welche Dame? Nein, wirklich, ich bin spät… Ja, andernmal. Danke!

Piep!

Hehe. Rundfunk Meisner. Neuigkeiten aus der Nachbarschaft!
Wissen Sie heute, was morgen passiert ist!
… Berufskrankheit des Werbetexters. Aber ernsthaft, welche Dame? Die Anna wird’s ja nicht gewesen… oder? Echt mal, das Wetter… vielleicht war’s ja die Lieferantin vom Biohof. Obwohl, die sollte ja erst morgen… bitte nicht regnen! Wo zum Teufel hab ich bloß den Schirm… liegt der vielleicht im Büro? Wenn die Anna da ist… Guten Morgen, Herr Reichhard! Ob ich die Anna frage, ob sie… Elendes Wetter! Sturmgepeitschte Grünwolkenwiesen.

Piep, piep, piep…

Seltsamer Traum.


“We need to talk about the Oscars”

Award Season reached its questionable peak with last sunday’s Oscars ceremony. In spite of a severe case of sleep deprivation, I was – surprisingly – awake enough on monday to reflect on what I have witnessed that night. And there was a lot to witness, for it was a very long night. Most of its length may have been due to the exorbitant number of commercial breaks. It is no exaggeration to state that there was at least one hour of commercials interrupting the show. The number of breaks even increased towards the end of the ceremony when traditionally the most significant awards are handed out to more or less deserving winners. Continue reading “We need to talk about the Oscars”

An der Ecke stehen – Ein urbanes Mysterium

Beobachtungen

In der Großstadt zu leben, das bringt viele Vor- und viele Nachteile und auf jeden Fall eine Menge sehr spezifischer Verhaltensweisen.
Eine Frage, die sich der Bewohner eines urbanisierten Raumes stellt, oder zumindest regelmäßig stellen sollte, ist: „Wie komme ich am besten von A nach B?“
Mehrere Faktoren sind bei der Antwort einzubeziehen. Die erste, und für den deutschen Teil der Stadtbevölkerung wohl wichtigste Punkt ist die Verfügbarkeit über ein kleines, motorisiertes Vehikel. Daran angeschlossen ist der Gedanken, ob sich ein solches für die jeweils gewählte Strecke lohnt. Immerhin gibt es viele davon, und die allermeisten scheinen auch tagtäglich in den Straßen der Stadt zur Anwendung zu kommen, was wiederum eine nur geringe persönliche Raumfreiheit und einen erhöhten Stresspegel bedeutet.
Ist diese Art des Eigentransports ausgeschlossen, folgt als nächstes die Pro- und Kontraliste bezüglich der Nutzung des in der Großstadt relativ (zum ländlichen Umland) großzügig ausgebauten öffentlichen Personennahverkehrs. Dabei zu bedenken sind neben den Fahrzeiten auch Preis und günstigste Verbindung und, und, und…
Deshalb nehmen viele Großstadtbürger ihre zielgerichtete Bewegung in die eigene Hand (oder besser: in die eigenen Beine) und schwingen sich auf ihr kleines, unmotorisiertes Pedalkraftzeug oder verlassen sich – bei eher kurzen Strecken – ganz auf ihre Füße. Continue reading An der Ecke stehen – Ein urbanes Mysterium

Mit Dank zurück nach Bayern: Ein Nachruf auf Hans-Peter Friedrich

Wenn man Hans-Peter Friedrich (CSU) etwas zugutehalten kann, dann ist es seine Geradlinigkeit. Er hat im Allgemeinen eine klare Meinung, und er formuliert diese sehr direkt. Eine Eigenschaft, die ich eigentlich an Politikern schätze. Da sie aber angreifbar macht, ist sie heutzutage nicht weit verbreitet. Eigentlich müsste ich also den gestern bekanntgegebenen Rücktritt Friedrichs schon deshalb bedauern.

Das fällt mir aber bei der Personalie Friedrich eher schwer: Zu deutlich sind noch die Erinnerungen an den gesellschaftlichen Generalverdacht, unter den er anscheinend jeden Bürger und jede Bürgerin dieses Landes auf verschiedenste Weise stellte. Dies äußerte sich vor allem in seiner fast grenzenlosen Datensammelfreude auf der einen und in Kompetenzerweiterungen bei Polizei und Geheimdiensten auf der anderen Seite. Passend dazu konnte er nicht nur kein Problem bei der NSA-Datenspionage erkennen, sondern freute sich noch öffentlich über die gute Zusammenarbeit mit den amerikanischen Diensten und die Möglichkeit, deren (wie auch immer gewonnene) Informationen zu nutzen.1 Continue reading Mit Dank zurück nach Bayern: Ein Nachruf auf Hans-Peter Friedrich

Anarchie – und wie?

Es gibt doch tatsächlich Menschen auf der Welt, die scheinbar daran glauben, Anarchie wäre tatsächlich das richtige Herrschaftsmodell für uns. Sie schließen sich sogar in Gruppen zusammen, sammeln Bilder und Artikel über die schreckliche Natur des gegenwärtigen Systems – meist geht es um Übergriffe von Polizisten oder einfache und häufig auch von der öffentlichen Mehrheit geäußerte Kritik an irgendeiner Entscheidung von Politikern. Diese Gruppen unterhalten sich auf öffentlichen Foren über diese Bilder und über jene scheinbar künstlerisch anmutenden Street-Art-Erscheinungen, die dieses eingekreiste ‚A‘ irgendwo in sich tragen oder sogar das Wort ‚Anarchie‘ ausschreiben. Eigentlich, wenn man sich einige Kommentare zu hochgeladenen Fotos und Beiträgen einmal durchliest, kann man entweder die starke Abneigung der kommentierenden Person gegenüber dem herrschenden Kapitalismus entnehmen, oder aber die absolute, unreflektierte Hinwendung zur Anarchie.
So sehr auch ich nicht daran glaube, dass die Welt, so wie wir sie (er)leben, sich noch lange halten lässt; so sehr es auch mich nach einer neuen, hoffnungsvollen Utopie dürstet… Anarchie ist auf keinen Fall meine favorisierte Alternative. Im Gegenteil halte ich Anarchie sogar für das Worst-Case-Szenario. Continue reading Anarchie – und wie?