Category Archives: Poesie & Prosa

Meine Fliege

Die städtische Gärtnerkolonne war schon aus dem Park abgerückt, durch den mich mein alltäglicher Weg führte. Ihre Arbeit war fast vollständig erledigt, neues Grün gepflanzt, altes und überflüssiges entfernt. Der große Busch an der Ecke mit seinen Hartlaub ähnlichen Blättern blieb den unachtsamen Passanten erhalten. Auf seinem äußersten Blatt saß eine kupferfarbene Fliege. Welch einen grausigen Ekel dieses Miniaturbiest in mir erzeugte, obschon sich doch die liebe Herbstsonne in kupfergoldener Schönheit spiegelte. Sie saß so da auf ihrem Blatt, das ja noch geblieben war. Saß da und tat nichts. Ein kleines Zittern huschte durch die seidenen Flügel. Ganz schnell. So schnell, dass schon im Augenblick danach keine Regung mehr erkennbar war. Sie erinnerte an den verlorenen Aufsatz einer alten, stilvollen Brosche. Eine jener Art, in welcher sich feine Metalle und Edelsteine in ästhetischer Symbiose zu einem Kunstwerk verbinden. Ein Kleinod, das ich mir nie hätte zum Fest wünschen können – ich bin zu spät geboren. Doch diese Fliege, die hatte ich; ihr Anblick eingefangen auf meiner Netzhaut. Ich sah sie genau vor mir, auf ihrem vom Wind geschaukeltem Blatt. Dieses Bild war meines. So ging ich also langsam vorüber, mit einem so wunderbaren Eindruck eines Schmuckstücks vom Schmied Natur. Die Fliege, sie saß da und tat nichts. Fraß nicht, putze sich nicht, flog nicht.

Später kam ich den Weg durch den kleinen, fast lächerlich wirkenden Park zurück. Dies schaurigschöne Biest musste sich wohl bewegt haben. Und keiner hatte sie fliegen sehen, auf dem Rücken die untergehende Sonne. Wie gern hätte ich doch ihr Abbild auf einer Brosche.

Guten Morgen!


Piep. Piep. Piep.

Uh? Tach, Wecker…

Piep.

Wie spät? … OK, weck’ mich in zehn Minuten noch mal.

Piep, piep, piep.

Was denn… oh, schon so spät? … Seltsamer Traum, wieder. Grüne Wiesen auf Sturmwolkengebirgen. Auf was für Dinge der
menschliche Kopf nachts so kommt!

Piep, piep…?

Ja, ja. Ich steh’ ja schon auf. Grüne Wolkenwiesen im Sturm also diesmal. Was mir der Autor damit sagen will? Ich werd’s wohl nie herausfinden. Ob ich die Anna heute…? Das grüne Hemd geht schon, oder…? Sturmwolkengrüne Wiesen… sowas. Ja, das grüne Hemd geht. Kaffee? Ein Löffel, zwei Löffel, drei Löffel. Wasser! Dazu noch die Nadelstreifen. Oder das schwarze Jackett? Wenn ich die Anna sehe, sind die Nadelstreifen vielleicht doch…

Piep.

Ah, Kaffee. Trüb draußen. Dafür wären die Nadelstreifen aber besser. Oder der Mantel. Jackett mit Mantel. Ja, das geht.

Piep, piep.

Wo ist… Telefon? Ach, Felix schreibt: wollen wir uns… Natürlich
können wir heute Abend zum Italiener gehen. Wäre großartig, wenn das Wetter noch besser wird. Der Freisitz vom Paulo ist so schön grün. Sturmwiesengrüne Wolken. Haha…

Piep!

Warum ist denn der Toast schon wieder schwarz? Schwarzer Toast am Morgen bereitet Kummer und Sorgen. Weiß man doch. Ob die Anna wohl… naja, ich werd’s herausfinden. Igitt, Kohle. Ich brauch einen neuen Toaster. Wie spät? Ich sollte losgehen. Echt trüb da draußen. Werde wohl den Schirm… Hier ist ja noch eine Banane. Geht als Toastersatz… so ganz ohne Frühstück… Regnet es? Ich komme noch zu spät. Naja, ich hab ja den Mantel. Wo ist denn der Schirm? Ich muss los.

Piep!

Der Fahrstuhl! Schirm? … Na gut, dann eben nicht. Guten Morgen, Frau Meisner. Ja, hab ich gehört. Hören Sie, ich muss… Ja, der Job. Nein, alles bestens. Welche Dame? Nein, wirklich, ich bin spät… Ja, andernmal. Danke!

Piep!

Hehe. Rundfunk Meisner. Neuigkeiten aus der Nachbarschaft!
Wissen Sie heute, was morgen passiert ist!
… Berufskrankheit des Werbetexters. Aber ernsthaft, welche Dame? Die Anna wird’s ja nicht gewesen… oder? Echt mal, das Wetter… vielleicht war’s ja die Lieferantin vom Biohof. Obwohl, die sollte ja erst morgen… bitte nicht regnen! Wo zum Teufel hab ich bloß den Schirm… liegt der vielleicht im Büro? Wenn die Anna da ist… Guten Morgen, Herr Reichhard! Ob ich die Anna frage, ob sie… Elendes Wetter! Sturmgepeitschte Grünwolkenwiesen.

Piep, piep, piep…

Seltsamer Traum.