Tag Archives: Literatur

Hymne auf den „Blinden Leser“

Ich für meinen Teil lese Gedichte am liebsten „blind“1, also ohne über den Autor oder den historischen Kontext viel – bzw. überhaupt etwas – zu wissen. Als eingefleischter Rezeptionsästhetiker bin ich überzeugt, dass mich ein Gedicht auf persönlicher, emotionaler Ebene erreichen kann – oder auch nicht. Im Zweifelsfall sind Historika und andere Hintergrundinformationen dieser Art
jedenfalls ungeeignet, um einem Gedicht Sinn und Bedeutung zu geben. Sie machen es vielleicht erklärbar. Auf akademischer Ebene. Gedichte jedoch sind keine historische Fachliteratur. Sie funktionieren am besten auf emotionaler Ebene, durch den persönlichen Diskurs zwischen Dichter und Leser mittels des Textes. Man kann es auch „literarischen Erfahrungsaustausch“ nennen.

So kommt es, dass ich meine lyrischen Favoriten in großer Mehrzahl nie historisch bzw. biographisch analysiert habe. Bei Ausnahmen wie Goethes Prometheus, den ich zu Schulzeiten
„interpretieren“ durfte, kann man von einer späten Liebe sprechen: Die Liebe zu diesem Gedicht kam bezeichnenderweise erst NACH der Emanzipation von Historie und Biographie. Sturm und Drang ist lange her. Situationen im eigenen Leben, in denen man sich scheinbar unüberwindbaren Widerständen gegenüber sieht, kennt vermutlich jeder. Continue reading Hymne auf den „Blinden Leser“

Der unendliche Ende

Schon als kleine Leseratte faszinierte mich dieser Mann. Welche Bücher ich auch las – und es waren so einige – immer wieder zog es mich zu den Werken dieses Mannes.
Michael Ende war der erste Autor in meinem Leben, zu dem ich mich magisch hingezogen fühlte. Waren mir sonst nur die Bücher an sich wichtig, gelang es seinen Geschichten, dass ich auch ein unbeschreibliches Interesse an jener Person entwickelte, die mir diese Erzählungen schenkte. Mein erster Berufswunsch war folglich auch Schriftstellerin. Ich begann noch bevor ich in die Schule kam, mit meiner Schwester kleine Geschichten zu schreiben – besser gesagt, sie illustrierte und schrieb, was ich ihr diktierte. Warum? Woher kam dieser Wunsch? Ich weiß es nicht so genau; ich weiß nur, dass damals Michael Ende mein Vorbild war. Continue reading Der unendliche Ende