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Hymne auf den „Blinden Leser“

Ich für meinen Teil lese Gedichte am liebsten „blind“1, also ohne über den Autor oder den historischen Kontext viel – bzw. überhaupt etwas – zu wissen. Als eingefleischter Rezeptionsästhetiker bin ich überzeugt, dass mich ein Gedicht auf persönlicher, emotionaler Ebene erreichen kann – oder auch nicht. Im Zweifelsfall sind Historika und andere Hintergrundinformationen dieser Art
jedenfalls ungeeignet, um einem Gedicht Sinn und Bedeutung zu geben. Sie machen es vielleicht erklärbar. Auf akademischer Ebene. Gedichte jedoch sind keine historische Fachliteratur. Sie funktionieren am besten auf emotionaler Ebene, durch den persönlichen Diskurs zwischen Dichter und Leser mittels des Textes. Man kann es auch „literarischen Erfahrungsaustausch“ nennen.

So kommt es, dass ich meine lyrischen Favoriten in großer Mehrzahl nie historisch bzw. biographisch analysiert habe. Bei Ausnahmen wie Goethes Prometheus, den ich zu Schulzeiten
„interpretieren“ durfte, kann man von einer späten Liebe sprechen: Die Liebe zu diesem Gedicht kam bezeichnenderweise erst NACH der Emanzipation von Historie und Biographie. Sturm und Drang ist lange her. Situationen im eigenen Leben, in denen man sich scheinbar unüberwindbaren Widerständen gegenüber sieht, kennt vermutlich jeder. Continue reading Hymne auf den „Blinden Leser“