Der unendliche Ende

Schon als kleine Leseratte faszinierte mich dieser Mann. Welche Bücher ich auch las – und es waren so einige – immer wieder zog es mich zu den Werken dieses Mannes.
Michael Ende war der erste Autor in meinem Leben, zu dem ich mich magisch hingezogen fühlte. Waren mir sonst nur die Bücher an sich wichtig, gelang es seinen Geschichten, dass ich auch ein unbeschreibliches Interesse an jener Person entwickelte, die mir diese Erzählungen schenkte. Mein erster Berufswunsch war folglich auch Schriftstellerin. Ich begann noch bevor ich in die Schule kam, mit meiner Schwester kleine Geschichten zu schreiben – besser gesagt, sie illustrierte und schrieb, was ich ihr diktierte. Warum? Woher kam dieser Wunsch? Ich weiß es nicht so genau; ich weiß nur, dass damals Michael Ende mein Vorbild war.
Als er dann kurz nach meinem elften Geburtstag starb, war das die erste Todesmeldung der Tagesschau, die mich tatsächlich berührte. Mit all den anderen Menschen, denen immer mal wieder diese letzte öffentliche Ehrung zu Teil wurde, konnte ich nicht viel anfangen. Aber von der Nachrichtensprecherin (ich glaube zumindest, es war eine Nachrichtensprecherin, aber meine Erinnerung kann mich da auch trügen) zu hören, dass Michael Ende verstorben sei, das versetzte mir einen Schlag, dessen Wesen und Intensität mir zuvor völlig unbekannt war. Und an den ich mich auch heute noch, über 17 Jahre nach dieser Meldung, sehr gut erinnern kann.
Dieser wundervolle Autor war mit seinem unbeschreiblich großen Fundus an Ideen und Bildern tatsächlich mein Idol, der große Held meiner Kindheit. Und als er starb, da war in mir auch die Motivation gestorben, ihm nachzueifern. Es ist wohl keine wirklich logische Entscheidung meinerseits gewesen, meinen Traumberuf aufzugeben, nur weil mein großes Vorbild nun nicht mehr unter uns weilte. Aber ich war eben ein Kind; ein sehr verletztes, trauriges Kind.
Erst viel, viel später, nachdem ich mein Literaturstudium schon beendet hatte, fand ich wieder zu Michael Ende zurück und ließ meine brennende Faszination für diesen Mann wieder aufleben.
Warum hat es so lang gedauert? Vielleicht weil in Deutschland Kinderliteratur immer noch als der Erwachsenenliteratur nicht gleichwertige Kunst verstanden und dementsprechend besonders gern von Wissenschaftlern und Literaturkritikern herabgewürdigt wird. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Texten, die an eine junge bis sehr junge Leserschaft gerichtet ist, gilt weithin anscheinend als Zeit und Aufwand nicht wert – zumindest außerhalb pädagogischer Disziplinen. So wird der Kinder- und Jugendliteratur ihr ästhetischer Wert abgesprochen, ohne dass dabei irgendein qualitativer Maßstab eine Rolle spielte. Glücklicherweise gibt es andere Länder, in denen die für junge Menschen schreibenden Schriftsteller mindestens genauso geehrt werden, wie jene, die ein vornehmlich erwachsenes Publikum bedienen. Zu meinem Glück durfte ich das erfahren. Und ich kann diese Erfahrung gebührend zelebrieren, indem ich ganz offen meine Faible für Kinderbücher zur Schau trage.
Der Held meiner Kindheit kam über diese Umwege wieder in mein Bewusstsein zurück; und damit auch die Faszination an diesem Menschen. Noch bevor durch die Harry-Potter-Serie der Begriff der ‘All-Age’-Literatur en vogue wurde, kritisierte Michael Ende stetig und öffentlich die Kategorisierung von Büchern an Hand von Altersempfehlungen und der damit einhergehenden Abwertung der Literatur für Jüngere. Er behauptete schon sehr früh, dass er für alle schreibe; nicht (nur) für Kinder und nicht (nur) für Erwachsene. Leider wurde ihm der ihm eigentlich zustehende Ruhm verwehrt und wird es auch heute noch, nur weil er in einem Kinderbuchverlag veröffentlichte und als Kinderbuchautor gilt. Als wäre er deshalb weniger interessant, als wäre es deshalb seine Stimme weniger wert, gehört zu werden.
Aber was ihn schließlich wieder zu einem Idol für mich werden ließ, war das, was ich beim Recherchieren über ihn herausfand.
Ich bin persönlich kein großer Liebhaber realistischer Texte; noch nie gewesen! Und besonders im Bereich der Kinder-und Jugendliteratur habe ich mich oft geärgert über die vielen moralisierenden Geschichten. Sie sollen mir also ein Bild der Welt geben und aufzeigen, mit welchen Problemen ich möglicherweise konfrontiert werden könnte. Schön und gut, Rolltreppe abwärts, Engel und Joe oder auch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo mögen ja tatsächlich ihre Bewunderer gefunden haben. Aber dieses Ausstellen von Problemen und die Übertreibungen jugendlicher Schwächen (ganz ehrlich, wie viele von uns und unseren Mitschülern sind wirklich in ihrer frühen Jugend schwerst drogenabhängig geworden, haben sich prostituiert oder sind im Wahn der Verliebtheit von zu Hause ausgerissen?), das war mir immer zu pathetisch. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, da spricht der Autor zu mir und sagt mir ganz genau, dass ich jetzt nicht unterhalten werden soll, sondern belehrt. Unterhaltung birgt ja die Gefahr, dass ich mich nicht mit der Welt auseinandersetze, ihr vielleicht sogar aus dem Weg gehe. Nein, nein! Nur eine gute, korrekte Darstellung der Realität bewahrt mich davor, die Fehler der Protagonisten zu begehen und macht mich schlussendlich zu einem guten, korrekten Bürger.
Da kann ich nur sagen: „Bah, Humbug!“ Diesen erhobenen Zeigefinger beim Lesen immer vor der Nase zu haben, das war mir nie angenehm. Ich war teilweise regelrecht angewidert von den Büchern und verzweifelte jedes Mal, wenn zur Klassenlektüre eines jener Bücher (die komischerweise nie im Literaturkanon auftauchen, noch nicht mal – mit Ausnahme von Christiane F. vielleicht – von auch nur einer Person den modernen Klassikern der Kinder-und Jugendliteratur zugeordnet werden) gewählt wurde. Ich bekam Mitleid: Mitleid mit meinen Klassenkameraden, für die Lesen nicht wie für mich eine normale Freizeitbeschäftigung darstellte; Mitleid mit mir, da ich merkte, wie auch meine Leselust bei der Lektüre solcher aufgezwungenen Geschichten immer mehr schwand; und Mitleid mit den vielen grandiosen Büchern, die nicht nur ihren Weg in die Schulen nicht fanden, sondern auch einen durchaus großen Teil potentieller Leser für immer verloren. Noch bis in mein Studium hinein kämpfte ich – manchmal auch lautstark – gegen die Dominanz des Realismus und für die Anerkennung der Fantasie. Nach und nach lernte ich auch zu verstehen, welche Funktionen und Kräfte der Fantasie eigen sind. Doch trotzdem blieb ich recht allein auf weiter Flur. Es schien, wenn von Fantasie die Rede war, sprach man von ganz anderen Zeiten. Fantasie wurde als vergangenes Phänomen deklariert. Und alles, was moderner war, wurde mit dem Stempel ‘Experiment’ oder ‘Unterhaltung’ versehen, womit auch immer eine abwertende Konnotation mitschwang. Als ich nun die Inklings – Gesellschaft kennenlernte und deren Frage nach der Aktualität der Fantastik vernahm, war ich überglücklich. Aus eigenem Interesse nahm ich mich dieser Frage an und machte mich daran, den größten Fantasten, den ich kannte, zu ergründen. Und je mehr ich von und über ihn las, je mehr ich mich seiner Poetik näherte, desto größer erschien mir dieser Michael Ende.
Da war doch in der Tat dieser Mann; dieser talentierte, ambitionierte und hochintelligente Autor, der Probleme hatte Verleger zu finden und schließlich, auf Grund des Diktats des Realismus aus Deutschland floh. Schon so viele Jahrzehnte vor mir kämpfte er für die Wertschätzung fantastischer Werke und gegen den Absolutheitsanspruch, den Realismus und Pädagogik auf die Kinder-und Jugendliteratur erhoben. Und ich, ich fühlte mich verstanden und nicht mehr ganz so allein. Ach, wie ich diesen Künstler liebgewann.

Es begann mit der Liebe zu seinen Geschichten; mit dem magischen Bann, in den sie mich zogen. Später kam dazu meine Hochachtung vor dem Schriftsteller, dem großen Ästheten. Und nun, da Momo ihr vierzigstes Jubiläum feiert, gewann er schließlich noch meine Verehrung als großer Denker und gar Prophet.
Noch vor ein paar Wochen war ich glücklich zu erfahren, dass es immer mehr zum logischen Denken fähige Menschen zu geben scheint. Früher wurde ich mit komischen Blicken gewürdigt oder als naives Blondchen abgetan, wenn ich von der Sinnlosigkeit unseres auf stetiges Wachstum ausgerichtetes (Wirtschafts-)System sprach. Ich gab offen zu, dass es über meinen Verstand, oder besser über mein Verständnis der Welt und ihrer natürlichen Ordnung geht, wenn ich hören oder lesen muss, dass nur ein ökonomisches Wachsen eines Betriebes oder gar eines Staates positiv bewertet wird; das Halten des Niveaus aber schon einem Verlust gleichkommt. Ich habe mich reichlich Mühe gegeben, diese angebliche Logik nachzuvollziehen. Natürlich ohne Erfolg! Zu meinem großen Erstaunen auch nicht ohne Leidensgenossen. Immer mehr sogenannte Wachstumskritiker machen ihren Unmut über dieses paradoxe System Luft.

Und dann? Dann sehe ich einen Dokumentarfilm1 über die Aktualität von Momo. In diesem wird der Roman im Hinblick auf die in ihm steckende Kapitalismuskritik interpretiert. Soweit nichts besonderes. Lediglich eine interessante, mir nicht unbekannte Lesart dieses Meisterwerkes. Aber – was mich in einen völligen Bewunderungsrausch versetzte – neben den verschiedensten Personen (Freunde, Künstler, Ökonomen…) kam auch Michael Ende zu Wort. Es wurden Ausschnitte eines (angeblich) bisher noch nie ausgestrahlten Interviews verwendet aus dem Jahr 1993. Da saß dieser fantastische Mann vor der Kamera und erläutert die Sinnlosigkeit unseres auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsprinzips. Darüber hinaus kritisiert er die absurde Macht einer kleinen Elite von Bankern und dem durch deren Kapitalismus verursachten Raubbau an der Natur. Er sagt voraus, dass wir nur zwei Szenarien erwarten können: einen ökologische oder ökonomischen Zusammenbruch. In diesem Gespräch sitzt nicht nur einfach ein Märchenonkel (auch wenn ich das an sich nicht schlimm fände); hier sieht man einen großen Denker, der uns mit offenen Augen beobachtet, ermahnt und belehrt – zu einer Zeit, in der alle anderen die Augen noch zusammenkniffen.

Michael Ende, ich kann nicht anders, als diese Persönlichkeit in höchstem Maße zu lieben und zu verehren. Ich wünschte nur, dass auch die anderen ‘schlauen’ Menschen in diesem Land es auch endlich täten. Er hat es mehr als nur verdient.


 

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