Hymne auf den „Blinden Leser“

Ich für meinen Teil lese Gedichte am liebsten „blind“1, also ohne über den Autor oder den historischen Kontext viel – bzw. überhaupt etwas – zu wissen. Als eingefleischter Rezeptionsästhetiker bin ich überzeugt, dass mich ein Gedicht auf persönlicher, emotionaler Ebene erreichen kann – oder auch nicht. Im Zweifelsfall sind Historika und andere Hintergrundinformationen dieser Art
jedenfalls ungeeignet, um einem Gedicht Sinn und Bedeutung zu geben. Sie machen es vielleicht erklärbar. Auf akademischer Ebene. Gedichte jedoch sind keine historische Fachliteratur. Sie funktionieren am besten auf emotionaler Ebene, durch den persönlichen Diskurs zwischen Dichter und Leser mittels des Textes. Man kann es auch „literarischen Erfahrungsaustausch“ nennen.

So kommt es, dass ich meine lyrischen Favoriten in großer Mehrzahl nie historisch bzw. biographisch analysiert habe. Bei Ausnahmen wie Goethes Prometheus, den ich zu Schulzeiten
„interpretieren“ durfte, kann man von einer späten Liebe sprechen: Die Liebe zu diesem Gedicht kam bezeichnenderweise erst NACH der Emanzipation von Historie und Biographie. Sturm und Drang ist lange her. Situationen im eigenen Leben, in denen man sich scheinbar unüberwindbaren Widerständen gegenüber sieht, kennt vermutlich jeder. In diesem Sinne ein wenig lyrische Motivation:

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus)

So bin ich denn auch überzeugt, dass die fortgeschrittene „Akademisierung“ mitverantwortlich für die schwindende Beliebtheit von Lyrik ist. Kaum jemand beschäftigt sich noch mit Lyrik. Gerade in der Schule wäre es daher nötig, lyrische Texte einfach nur zu lesen. Nicht zu analysieren. Nicht zu historisieren. Statt der Frage „Was will mir der Autor damit sagen?“ nur die Frage „Was sagt mir das Gedicht?“ Das sind zwei gänzlich unterschiedliche Fragen.

Lyrik ist heutzutage ein Minenfeld geworden, bestehend aus
vermeintlich missverstandenen Metaphern, nichterkannten Referenzen und Bezugnahmen sowie der eigentlich längst überholten „Autorenintention“. Man könnte meinen, man müsste erst drei literaturhistorische Fachpublikationen lesen, um irgendein beliebiges Gedicht verstehen zu können bzw. zu dürfen. Es sei gesagt; dem ist nicht so! Die Freiheit des Dichters ist sprichwörtlich – es wird Zeit, dass wir das von der Freiheit des Lesers auch sagen können. Denn die Gedichte, die einem unvoreingenommenen Leser gar nichts zu sagen haben, sind eher selten.


  • 1 Der Begriff des „blinden Lesers“ wird hier für die Literaturwissenschaft aus dem Kontext der Videospiele entlehnt. In diesem Kontext bedeutet das „blinde“ Spiel, dass der Spieler sich bewusst ohne Kenntnis möglicher Lösungsansätze, sei es durch ein vorheriges Spielen oder die Lektüre von Guides und Komplettlösungen, auf das Spiel einlässt.

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