An der Ecke stehen – Ein urbanes Mysterium

Beobachtungen

In der Großstadt zu leben, das bringt viele Vor- und viele Nachteile und auf jeden Fall eine Menge sehr spezifischer Verhaltensweisen.
Eine Frage, die sich der Bewohner eines urbanisierten Raumes stellt, oder zumindest regelmäßig stellen sollte, ist: „Wie komme ich am besten von A nach B?“
Mehrere Faktoren sind bei der Antwort einzubeziehen. Die erste, und für den deutschen Teil der Stadtbevölkerung wohl wichtigste Punkt ist die Verfügbarkeit über ein kleines, motorisiertes Vehikel. Daran angeschlossen ist der Gedanken, ob sich ein solches für die jeweils gewählte Strecke lohnt. Immerhin gibt es viele davon, und die allermeisten scheinen auch tagtäglich in den Straßen der Stadt zur Anwendung zu kommen, was wiederum eine nur geringe persönliche Raumfreiheit und einen erhöhten Stresspegel bedeutet.
Ist diese Art des Eigentransports ausgeschlossen, folgt als nächstes die Pro- und Kontraliste bezüglich der Nutzung des in der Großstadt relativ (zum ländlichen Umland) großzügig ausgebauten öffentlichen Personennahverkehrs. Dabei zu bedenken sind neben den Fahrzeiten auch Preis und günstigste Verbindung und, und, und…
Deshalb nehmen viele Großstadtbürger ihre zielgerichtete Bewegung in die eigene Hand (oder besser: in die eigenen Beine) und schwingen sich auf ihr kleines, unmotorisiertes Pedalkraftzeug oder verlassen sich – bei eher kurzen Strecken – ganz auf ihre Füße.

So weit, so nachvollziehbar ist diese Situation für wohl den allergrößten Teil der städtischen Bevölkerung. Eine ebenfalls von vielen geteilte Erfahrung ist die absolute Abhängigkeit von verkehrsregelnden Lichtsignalen. Vor allem, weil der Deutsche von klein auf konditioniert ist, diese bedingungslos zu beachten; komme was wolle…oder eher: wäre auch weit und breit kein weiterer Verkehrsteilnehmer zu erblicken.
Besonders aber an vielbefahrenen, deutlich ausgelasteten Straßen, meist nicht weit des Zentrums, gilt es als äußerst clever, zur eigenen Sicherheit (sowie zur Sicherheit der anderen) diese leuchtenden Zeichen zu beachten.
Daher kennt wohl ein jeder, welcher sich im innerstädtischen Verkehr ganz auf seine Muskelkraft verlässt, folgende Situation: Man nähert sich einer großen, umfassend geregelten Kreuzung. Man heftet seinen Blick auf das leuchtende Signal und sieht Rot. Pflichtbewusst und besonnen unterbricht man seinen Bewegungsfluss. Die Augen nur auf das T-förmige Ampelmännchen (in aller Fairness seien hier auch die selten anzutreffenden Ampelfrauchen erwähnt) gerichtet in der gespannten Erwartung, dass in jeder Sekunde das Rot zum Grün wird und man endlich die schon angestaute potentielle Energie wieder in kinetische umwandeln kann.

Mit diesen Vorüberlegungen ist die Basis für meine Beobachtungen gelegt. Als regelmäßiger Verkehrsteilnehmer, zumeist auf dem gepolsterten Rücken meines treuen, alten Drahtesels, nehme ich seit Anfang letzten Jahres eine beunruhigende Entwicklung wahr. An immer mehr Straßenkreuzungen begegnen mir immer häufiger Personen, die den Kreuzungsbereich als Ruhezone nutzen. Da stehen sie dann, meist in kleinen Gruppen von zwei bis drei Leuten – in den allermeisten Fällen mit mindestens einer weiblichen Person – und scheinen dem um sie herum herrschenden Trubel nicht gewahr zu werden. Ihre Blicke gelten nur einander, so dass sie auch mit einem grummeligen bis wütenden Gesichtsausdruck beim Vorbeiziehen nicht zur Räson zu bringen sind.

Was ist das nur für eine neue Art, seine Freizeit zu verbringen? Steckt dahinter vielleicht eine neue, unbeobachtet gebliebene Subkultur? Handelt es sich um Kapitalismuskritiker oder Spaßbürger? Steckt womöglich gar eine Verschwörung dahinter?
Es gestaltet sich als äußerst schwierig, diesen Sachverhalt vollends zu hinterfragen und zu erklären. Zum großen Teil liegt es daran, dass die Beteiligten solcher Mikro-Ansammlungen durch ihre starke Fixierung auf ihre/n jeweilige/n Partner kaum die Möglichkeit einer direkten Ansprache bieten. Außerdem scheint die geringe Größe solcher Gruppen dafür zu sorgen, dass sie von den allermeisten passierenden Verkehrsteilnehmer nicht genügend wahr- bzw. ernst genommen werden. Ob dieser Umstand sich aus einem cleveren Kalkül heraus ergeben hat?

Der Anti-Flashmob

Eine Erklärung für diese immer öfter auftretende Erscheinung wäre, dass es sich hierbei tatsächlich einfach nur um eine Art Vergnügung handelt.
Der seit einigen Jahren von Teilnehmern und Beobachtern hoch im Kurs stehende Flashmob-Trend erfährt hier womöglich eine Abwandlung, man könnte sogar sagen, eine konträre Umwandlung.
Geht es bei einem Flashmob bekanntlicher Weise um ein Zusammenfinden einer großen, sich zumeist fremden Menschenmenge, die in vorheriger Absprache eine spezielle Aktion ausführen – Kissenschlachten, Seifenblasenproduktion, performative Akte – von nur geringer Dauer an einem öffentlichen, leicht zugänglichen und sehr geräumigen Platz.
Das an-der-Ecke-Stehen hingegen geschieht, wie schon erwähnt, in einer sehr kleinen Gruppe an einem sehr (von Straßen und Fußwegen) begrenzten Ort.

Ob dabei das Moment der Gleichzeitigkeit eines solchen Geschehens noch von Bedeutung ist, lässt sich schwer einschätzen, da ein Beobachter zu einem bestimmten Zeitpunkt nur an einem bestimmten Ort sein kann. Schon allein aus biologisch-physikalischen Gründen. Erhöht man die Anzahl der Beobachter, ist schwer einzuschätzen, ob sich alle exakt zur selben Zeit an einer Kreuzung befinden. Und ob das dann auch eine Kreuzung ist, die an jenem Tag für das Steh-Vorhaben erwählt wurde.
Ein Argument gegen die zeitgleiche Ausführung dieser Aktion an mehreren Orten ist, dass diverse Eck-Steh-Gruppen zu ein und derselben Tageszeit an unterschiedlichen Ecke stehen müssten. Das hieße, es sollten viele Absprachen erfolgen, die auf Grund der räumlichen Kluft jener einzelnen mitwirkenden Gruppen sehr genau sein müssten. Das wiederum birgt die Gefahr des Nicht-Glückens der Aktion. Es wäre zu viel Aufwand für einen so unüberschaubaren und dadurch wahrscheinlich unbefriedigenden Zeitvertreib.

Konspirativ

Eine performative Motivation erscheint also als wenig wahrscheinliche Ursache dieses Phänomens. Vielleicht findet sich die Erklärung, sobald der Fokus der Betrachtung weg vom physischen Akt des Stehens genommen wird und stattdessen die Frage nach dem „Warum?“ in den Vordergrund stellt.
Die Ecke als solche dient möglicherweise den Partizipierenden als eine Art Schutzraum innerhalb der Sphäre der Öffentlichkeit. Schließlich bietet eine Ecke, im Gegensatz zu einem gerade verlaufender Weg, mehrere Gelegenheiten zur Flucht. Das Zusammentreffen diverser gepflasterter Pfade stellt dementsprechend eine hervorragende Möglichkeit zur konspirativen Versammlung. Meine meist recht flüchtigen Begegnungen mit solchen Zusammenkünften ließen mir leider nie wirklich Zeit, die Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch sollte es sich hier tatsächlich um Konspirationen handeln, so liegt es nahe, dass die Teilnehmer einer solchen wohl informiert sind über Anzahl und Ausrichtung der Überwachungskameras der Umgebung. So bieten eventuell jene ganz spezifischen Ecken auch Schutz vor diesem besonderen innenpolitischen Instrument.
Aber für oder gegen was wird sich miteinander verschworen?

Vielleicht geht es bei solchen Treffen nur um Banalitäten. So könnte es doch sein, dass bei diesen öffentlichen Geheimtreffen lediglich Informationen ausgetauscht werden, wie man z.B. bei einer Klausur am Besten schummelt, wie man Ausleiheinschränkungen städtischer und universitärer Bibliotheken umgehen kann oder wie die öffentlichen Verkehrsmittel am ungefährlichsten kostenlos genutzt werden können. Aber nein, wozu sollten sich denn mehrere Leute die Mühe machen, für solche Nichtigkeiten extra eine (wenig videoüberwachte) Ecke aufzusuchen?

Da ist es schon wahrscheinlicher, dass es sich bei den ‘an-der-Ecke-Stehenden’ um eine Art von Sekte handelt. Die Gläubigen müssen sich demnach zu bestimmten Zeiten als kleine Gruppe an Ecken in der Stadt einfinden; entweder, um ihrem spirituellen Wesen zu huldigen, welches einst an einer Straßenecke erschien. Oder sie erwarten dort die baldige Errettung durch eben jenes Wesen, dass sich aus bestimmten, in den Niederschriften der Sekte sicherlich nachvollziehbar erklärten, Gründen nur in eben einer solchen Umgebung in die diesseitige Welt eintreten kann. Ich finde diese Theorie für das beobachtete Phänomen gar nicht mal so abwegig. Es gibt so viele verschiedene Religionen mit so vielen verschiedenen Regeln und Geschichten, warum nicht auch eine, die ein solch immobiles Verhalten hervorruft? Was wissen wir denn z.B. von dem noch recht neuen, aber schon vielseits anerkannten Glauben an das Spaghettimonster? Wer sagt denn, dass dieses nicht dafür verantwortlich ist?
Allerdings, sollte es sich tatsächlich um religiöse Praktiken handeln, würde dann nicht ab und zu ein Gebet oder Gesang oder Ähnliches an das Ohr eines Passanten dringen? Würde nicht irgendwann das Ritual als solches von Außenstehenden erkannt? Ist das ‘an-der-Ecke-Stehen’ doch keine abstruse religiöse Praxis auf säkularisiert-urbanen Boden?

Eine weitere Erklärung findet sich bei der stetig wachsenden Zahl an kapitalismuskritischen Aktionen. Diese neue Form des politischen Aktionismus ist möglicherweise eine Weiterführung des dem Großstädter nur zu gut bekannten ‘Vor-Geschäften-plötzlich-mitten-im-Weg-Stehenbleibens’. Die Abwesenheit von Fortbewegung der Beteiligten zwingt unbeteiligte Passanten zu einer negativen Beschleunigung, die ja idealerweise auch im Geist dieses so abrupt in seinem Bewegungsfluss Beeinträchtigten eine ‘Entschleunigung’ bewirkt.
Aber wenn tatsächlich ein Umdenken des konsumfokusierten Bürger das Ziel des ‘an-der-Ecke-Stehens’ sein soll, wie kommt es dann, dass sich so viele dieser Aktivisten häufig abseits der großen Geschäfte der Innenstädte platzieren? Das bildet doch einen Widerspruch zum erwünschten Effekt. Vielleicht sollte ich ganz von der Idee einer konspirativen Ursache des hier erläuterten Mysteriums verabschieden.

Die Ecke als Symbol

Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass ich mir über das Phänomen des ‘an-der-Ecke-Stehens’ zu viele Gedanken mache. Es könnte sein, dass die Frage nach der Ursache eine ganz einfache Antwort hat. Es ist vielleicht sogar der Fall, dass sich die Ausführenden ihrer Aktion und deren Hintergründen gar nicht bewusst sind.

Die Ecke an sich, betrachtet als die Zusammenführung mehrere Wege, könnte ganz symbolisch auch auf die dort Stehenden übertragen werden. So wie die Straßen einander dort treffen, so treffen sich auch die Menschen, welche aus verschiedenen Richtungen einander nähern. Die physische Existenz einer Ecke verbindet die sich dort Gegenüberstehenden metaphysisch miteinander. Eine an einer Ecke geführte Diskussion führt womöglich zu einem schnellen Kompromiss beziehungsweise fördert sie den schnellen Austausch wichtiger Informationen. Und wer weiß, eventuell bleiben an einer Ecke geteilte Informationen ja länger in den einzelnen Köpfen dieser Gruppen durch eben jene metaphorische Zusammenführung der Gedanken. Diese sind nun für immer an und durch die Ecke miteinander verbunden. Würde eine wissenschaftliche Studie dazu durchgeführt, böte sich hiermit eine interessante Fragestellung.

Andersherum kann eine Ecke, statt der Zusammenführung von Wegen, auch als das Auseinandergehen dieser betrachtet werden. Dabei bedeutet das Stehenbleiben an einer Ecke, dass die Stehenden nach der Wiederaufnahme ihrer Fortbewegung wahrscheinlich getrennter Wege gehen. Die Ecke ist in dem Fall die letzte Bastion des geteilten Weges. In ihr Verbinden sich die Freude der Gemeinschaft mit der Wehmut des Abschiedes. Unter Umständen überwiegt bei den Stehenbleibenden die Wehmut und ihr viel zu langer, den Passanten eher lästiger Aufenthalt stellt einfach nur den Versuch dar, die Freude des Zusammenseins noch ein wenig länger auszukosten.

Welche Gründe auch immer Menschen dazu bewegen, sich an einer Ecke mitten auf dem Weg nicht mehr zu bewegen, die Grenzen meines Verständnisses und meiner Akzeptanz reichen nur soweit, wie mein Vorankommen nicht eingeschränkt wird. Leider passiert das viel zu häufig. Daher appelliere ich an alle Verkehrsteilnehmer urbaner Ballungsräume: Gebietet dieser Unsitte Einhalt! Macht diese Unholde auf Etikette und STVO aufmerksam! Lasst euch nicht durch dreiste Immobilität eurer Mobilität berauben!

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