Anarchie – und wie?

Es gibt doch tatsächlich Menschen auf der Welt, die scheinbar daran glauben, Anarchie wäre tatsächlich das richtige Herrschaftsmodell für uns. Sie schließen sich sogar in Gruppen zusammen, sammeln Bilder und Artikel über die schreckliche Natur des gegenwärtigen Systems – meist geht es um Übergriffe von Polizisten oder einfache und häufig auch von der öffentlichen Mehrheit geäußerte Kritik an irgendeiner Entscheidung von Politikern. Diese Gruppen unterhalten sich auf öffentlichen Foren über diese Bilder und über jene scheinbar künstlerisch anmutenden Street-Art-Erscheinungen, die dieses eingekreiste ‚A‘ irgendwo in sich tragen oder sogar das Wort ‚Anarchie‘ ausschreiben. Eigentlich, wenn man sich einige Kommentare zu hochgeladenen Fotos und Beiträgen einmal durchliest, kann man entweder die starke Abneigung der kommentierenden Person gegenüber dem herrschenden Kapitalismus entnehmen, oder aber die absolute, unreflektierte Hinwendung zur Anarchie.
So sehr auch ich nicht daran glaube, dass die Welt, so wie wir sie (er)leben, sich noch lange halten lässt; so sehr es auch mich nach einer neuen, hoffnungsvollen Utopie dürstet… Anarchie ist auf keinen Fall meine favorisierte Alternative. Im Gegenteil halte ich Anarchie sogar für das Worst-Case-Szenario. Und ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie es Menschen geben kann, die in vielen Fällen eine höhere Bildung genossen haben – denen also ein gewisses Reflexionsvermögen unterstellt werden kann – die tatsächlich laut nach Anarchie schreien. Wäre ich gemein, würde ich gar behaupten, dass es genau jene anarchie-sympathisierenden Menschen sind, die die ersten Opfer eines solchen Systems sein würden.

Warum habe ich nun so einen Widerwillen gegen Anarchie? Früher bin schließlich auch ich mit Punks durch die Lande gezogen, habe Wände, Papiere und auch meine eigene Kleidung mit dem besagten eingekreisten ‚A‘ geschmückt. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings erwähnen, dass ich damals jung war, so ungefähr 15, 16 Jahre alt. In einem Alter also, in dem man so vehement nach Unabhängigkeit strebt, dass das Konzept von Anarchie konsequenterweise eine starke Anziehung ausübt. Aber später habe ich mir angewöhnt, Handlungen und Gedanken zu reflektieren, habe studiert und so vieles über den Menschen und das Menschsein erfahren. Ich kann Anarchie nicht mehr gutheißen; ich kann sie nur noch verdammen!

Ich weiß, dass ich mich mit einer solchen Einstellung bei einigen sogenannten ‚Linken‘ sehr unbeliebt mache, sogar riskiere, völlig zusammenhangslos mit irgendwelchen anderen Gruppierungen in einen Topf geworfen zu werden (bestimmt haben die Nazis damals Anarchisten eingesperrt und gefoltert… auf jeden Fall aber ist ja Anarchie der genaue und einzige Gegensatz zur faschistischen Ordnungssucht). Aber diese Eigenart bestimmter Leute, keinerlei Kritik zu vertragen und immer mit unreflektierten Schubladendenken jeden anders Denkenden mundtot zu machen, geht mir wirklich auf die Nerven.

Um klarzustellen, dass solche möglichen Anschuldigungen nicht auf mich zutreffen, möchte ich das Konzept von Anarchie kurz beleuchten und aufzeigen, wie absurd eine solche Idee ist. Einführend sei mir ein Hinweis in eigener Sache gestattet. Ich möchte davon Abstand nehmen, Anarchie als eine Utopie zu denken – weder als Eutopie, noch als Dystopie. Ich kann mir tatsächlich keinen Ort vorstellen1, an dem Anarchie „herrscht“ – weder im Guten, noch im Schlechten. Ein solches Bild ist mir einfach nicht möglich.

Ganz platt gesagt herrscht Anarchie, so würden wir den sogenannten Sozialdarwinismus in Reinform erleben. Gibt es keine Gesetze – und schließlich genau das sagt das Wort ‘Anarchie’2 – sind die Schwächeren den Stärken hilflos ausgeliefert. Gibt es kein Gesetz und also auch nicht dessen Vertreter, gibt es auch keine Regulierung der Macht und Stärke. Im Endeffekt würde es darauf hinauslaufen, dass die wahrscheinlich körperlich Überlegenen die ihnen Unterlegenen vernichten; sie entweder wirklich töten und damit am Ende auch die ganze Menschheit oder sie versklaven und unter ihre eigenen Gesetze stellen. Zweiteres wäre dann wohl eindeutig das Ende der Anarchie. Und Wehe es kommt jetzt jemand mit „Aber die eigentliche Macht und Stärke liegt doch im Wissen und Denken“. Wenn das tatsächlich die Grundlage einer ‘anarchistischen Gesellschaft’ sein soll, kann davon ausgegangen werden, dass die intellektuellen Gewinner der sozialdarwinistischen Auslese sich vor allen anderen zu schützen wissen…mit was wohl, frage ich mich…mit Gesetzen und Bestimmungen.
Anarchie ist also als Utopie nicht möglich, da sie nur – wenn überhaupt – eine sehr kurze Lebensdauer hat. Zu kurz, um einen Ort zu prägen.

Und das ist nur eine hypothetische Version eines an sich schon unmöglichen Systems. Warum unmöglich? Setzt man voraus, dass Anarchie die Abwesenheit aller Gesetze ist, dann wird schon die Absurdität des Konzeptes offenbar. Wie kann es ein System ohne Gesetze in einer Welt voller Gesetze geben? Gäbe es dann keine Schwerkraft und keine chemischen Reaktionen und auch keine Nahrungskette? Versteht man also den Begriff ,Anarchie’ absolut, wird sein abstrakter und damit unmöglicher Charakter deutlich. Begreift man ihn nun aber als abstraktes Konzept, welches lediglich auf die Abwesenheit der von Menschen geschaffenen Gesetze bezieht, umgeht man zumindest (wenig elegant) die Kritik mit der Unverzichtbarkeit der Naturgesetze. Zumindest könnte man das meinen. Aber weit gefehlt!

Der Mensch an sich ist zwar ein zur Logik fähiges Tier, der alle möglichen Abstraktionen in die Welt zaubern kann, aber auch er ist ein natürliches Wesen und damit der Natur grundsätzlich untertan. Nehmen wir jetzt an, dass der Mensch Anarchie lebt, in dem er einfach keine der Logik folgenden Gesetze mehr entwirft, dann kann dabei nur das Bild eines Eremiten entstehen.
Der Mensch aber ist ein bio-soziales Geschöpf, das immer nach Gemeinschaft strebt. Den Menschen geht es nicht um das pure Überleben als Individuum, den Menschen geht es um das Überleben als Individuum in einer Gemeinschaft. Und damit ist Anarchie als funktionierendes Gesellschaftsmodell von vornherein ausgeschlossen. Es besteht weithin Einigkeit, dass das gemeinschaftliche Zusammenleben nur funktionieren kann, wenn man es reguliert. Zumeist sind es moralische und ethische Regeln, die jedem Einzelnen einen Leitfaden für sein Verhalten geben, damit das Überleben der gesamten Gesellschaft sichergestellt ist. Wenn die Mehrheit dem Großteil dieser Regeln folgt und Übertretungen nur in wenigen Fällen zum Schaden Anderer führt, dann funktioniert Gemeinschaft. Und zwar nur dann!

Wie soll eine Gesellschaft existieren, in welcher keine übergeordnete Instanz (Gericht oder Monarch oder Kirche oder was auch immer) einen Moralkodex aufstellt und somit Regeln zur Funktionstüchtigkeit des gemeinschaftlichen Lebens gibt (meinetwegen auch ‘diktiert’)?

Geht ein Anarchist tatsächlich davon aus, dass jeder Mensch soviel ‘Ehre’ im Leib hat, auch ohne jegliche Bestimmungen zu entscheiden, was gut und was schlecht ist? Das wäre ein tragischer Fehler im Denken, der – sollte es tatsächlich einmal eine ‘Herrschaft der Anarchie’ geben – fatale Folgen haben wird. Ohne jede moralische Instanz ist ein Zusammenleben unmöglich und damit schließlich auch der Einzelne nicht überlebensfähig.

Anarchie ist also ein leeres Konzept, dass noch nicht einmal als Utopie imaginiert werden kann, da es ganz einfach nicht mit der Natur des Menschen vereinbar ist.

Ich möchte jetzt aber bloß nicht falsch verstanden werden, ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen das anarchische Prinzip an sich. Ich finde sogar, dass besonders die Künste ohne den ständigen Bruch und der damit einhergehenden Auflösung bestimmter Ordnungssysteme gar nicht auskommen könnten. Aber Anarchie als Entwurf für ein Gesellschaftssystem, das halte ich nicht nur für ganz besonders dämlich, sondern sogar für äußerst gefährlich.


 

  • 1Dazu sollte ich vielleicht bemerken, dass ich unter ‘Utopie’ ganz altmodisch tatsächlich einen imaginierten ‘Un-Ort’ verstehe, welcher als Gegenentwurf zur realen Welt fungiert.

  • 2‘Anarchie’ beschreibt vom Wort her zunächst natürlich bloß die Abwesenheit eines Herrschers, was allerdings konsequenterweise dann auch die Abwesenheit von Ordnung implizierte und heute schließlich wird Ordnung ganz allgemein mit Gesetzen an sich definiert. Anarchisten bestätigen immer wieder, dass sie keine Gesetze an sich wollen

 

 

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